Brot für die Welt - Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde

Ev.-luth. Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde
Hannover Badenstedt
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Brot für die Welt

Klimaschutz durch Elektromobilität?

Der Abbau von Lithium für E-Autos gefährdet die Natur und die Lebensgrundlagen der lokalen Bevölkerung in den Fördergebieten

Zu Weihnachten wird wieder für „Brot für die Welt“ gesammelt. Diese Organisation kämpft seit nunmehr 60 Jahren gegen Hunger und Ungerechtigkeit auf dieser Welt. Dabei werden auch Studien verfasst, die die Hintergründe von Problemen in den Ländern des „Südens“ analysieren und dabei manche Zusammenhängemit unserem Leben darstellen. Ein aktuelles Beispiel beschreibt „Brot für die Welt” im Dossier 6 / 2019  „Wirtschaft und Menschenrechte - Das Ende der Freiwilligkeit“:

Elektromobilität wird als Schlüssel zu einem klimafreundlichen Verkehr angesehen. Das Wirtschaftsministerium hat sich zum Ziel gesetzt, dass bis 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf Deutschlands Straßen fahren. Dafür sollen Kaufanreize und der Ausbau der Ladeinfrastruktur sorgen, sowie der Zugang zuden benötigten Rohstoffen gesichert werden. Vor allem Lithium wird in großen Mengen gebraucht. Auch wenn Elektroautos im Hinblick auf die deutlich geringeren CO2-Emissionen tatsächlich weniger klimaschädlich sind als Autos mit Verbrennungsmotor, ist der Rohstoffverbrauch von Autos ungeachtet ihrer Antriebstechnik sehr hoch. Durch den Umstieg auf E-Autos steigt derBedarf von Kobalt, Graphit, Nickel und ganz besonders von Lithium: Das Leichtmetallwird wegen seiner guten Speicherkapazitäten zur Herstellung von E-Auto-Akkus verwendet. Bis zu 40 Kilogramm Lithium enthält ein solcher Akku. Der Ausbau der E-Mobilität ist damit hauptverantwortlich für den rasanten Anstieg des weltweiten Lithiumbedarfs. Bereits 2030 könnte vier Mal so viel Lithium in E-Autos verbaut werden, wie heute jährlich weltweit abgebaut wird. Entsprechend stark steigen die Preise für Lithium. Der Weltmarktpreis für eine Tonne des Leichtmetalls hat sich von 2016 auf 2017 fastverdoppelt, auf 13.000 US-Dollar. Im sogenannten Lithiumdreieck, einer Region an der Grenze von Argentinien, Bolivien und Chile, in der mehr als 60 Prozent der weltweiten Lithiumvorkommen lagern, hat der Boom dazu geführt, dass laufend neue Abbaulizenzen vergeben und bestehende Fördermengen deutlich erhöht werden. In Chile beispielsweise hat die zuständige Behörde die erlaubten Fördermengen für Lithium Anfang 2018 verdreifacht. Auch deutsche Unternehmen sind schon vor Ort aktiv, um ihren Lithiumbedarf zu sichern. Im Dezember 2018 wurde bei einem großen Festakt in der baden-württembergischen Landesvertretung das Joint Venture zwischen der deutschen ACI-Systems GmbH und dem bolivianischen Staatsunternehmen Yacimientos de Litio Bolivianos (YLB) zur Industrialisierung der Lithiumvorkommen am Uyuni-Salzsee besiegelt. In einer Pressemitteilung von ACI-Systems heißt es: „Durch denAufbau dieser bolivianisch deutschen Partnerschaft erhält auch Deutschland Zugriff aufden begehrten Rohstoff Lithium. Die Entscheidung für ACI-Systems ist dadurch auch für Deutschland beziehungsweise Europa von strategischer Bedeutung.”

Enormer Wasserverbrauch
Die am einfachsten nutzbaren Lithium Vorkommen lagern in Salzseen in einer hochandinen Steppenregion, die durch sehr hohe Sonneneinstrahlung und geringe Niederschläge gekennzeichnet ist. Die Region ist Heimat zahlreicher indigener Gemeinschaften, die dort seit Jahrhunderten leben und im Einklang mit der Natur Vieh- und Fischzucht, Landwirtschaft und Kunsthandwerk sowie Gemeindetourismus betreiben.  Diese Lebensweise wird durch den steigenden Lithiumabbau bedroht. Zur Förderung von Lithium werden in den Salzseen riesige Betonbecken installiert, in die das lithiumhaltige Wasser aus 20 bis 40 Metern Tiefe gepumpt wird. Das Wasser verdunstet, bis nach acht Monaten eine grünliche Substanz übrigbleibt, die eine sechsprozentige Lithiumkonzentration enthält. Diese Substanz wird unter Zusatz von Chemikalien zu Lithiumkarbonat weiterverarbeitet. Der Prozess der Förderung und Weiterverarbeitung von Lithium ist extrem wasserintensiv.

Lagunen versiegen, Vegetation vertrocknet
Am chilenischen Atacama‐Salzsee, wo schon seit mehr als 30 Jahren Lithium abgebaut wird, sind die Folgen bereits erkennbar: Der Grundwasserspiegel in der Gegend sinkt, Feuchtgebiete und Lagunen versiegen, Vegetation vertrocknet und endemische Vogelarten wie die Flamingos sind vom Aussterben bedroht. Landwirtschaft und Viehzucht sind nur noch erschwert möglich und es gibt zunehmend Konflikte um die Nutzung von Wasser.  Die Gemeinschaften vor Ort werfen dem lokalen Lithiumproduzenten SQM vor, mehr Wasser zu entnehmen als erlaubt, und bei der Überprüfung der Grundwasserstände zu mogeln. Zudem fehlen im ganzen Lithiumdreieck fundierte Umweltstudien, die das Ökosystem der Salzseen in den Blick nehmen, und Maßnahmen identifizieren, die geeignet sind, eine Zerstörung dieses einzigartigen Naturraums zu verhindern. Alle drei Länder Chile, Bolivien und Argentinien haben die Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation ratifiziert. Darin ist das Recht indigener Gemeinschaften verankert, angemessen an allen Entscheidungen beteiligt zu werden, die das Land betreffen, auf dem sie leben. In der Praxis sprechen die Unternehmen aber nur mit Einzelpersonen, die sie mit Geld- und Job‐Versprechungen für sich gewinnen. Auch dadurch gibt es zahlreiche Konflikte innerhalb der Gemeinschaften.

Was muss sich ändern?
Der Lithiumabbau gefährdet die lokale Bevölkerung in ihren Rechten auf Wasser, Nahrung, Gesundheit und einen angemessenen Lebensstandard. Zwar sind für deren Wahrung in erster Linie die Abbaustaaten in der Pflicht, in denen der Abbau stattfindet. In der globalisierten Wirtschaft können solche Pflichten aber nicht rein national gedacht werden. Artikel 2 Absatz 1 des Pakts für wirtschaftliche, soziale und kulturelle (WSK)Rechte der Vereinten Nationen (UN) sieht daher vor, dass Staaten zur Gewährung der darin verbrieften Rechte international kooperieren müssen. Der UN‐Sozialausschuss hat in seiner Allgemeinen Bemerkung Nr. 24 (Juni 2018) zu WSK‐Rechten im Kontext von Wirtschaftsaktivitäten die Verpflichtung der Vertragsstaaten bekräftigt, auch außerhalb des eigenen Territoriums ihre Einflussmöglichkeiten zur Achtung, zum Schutz und zur Gewährleistung der Menschenrechte auszuschöpfen, unter anderem durch Einführung von Regeln zur Unternehmensverantwortung.  Das betrifft Deutschland als führende Wirtschaftsnation und einen der wichtigsten Importeure metallischer Rohstoffe in besonderem Maße. Demzufolge muss die Bundesregierung dafür sorgen, dass die Bemühungen zum Klimaschutz hier nicht zu Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzungen im Lithiumdreieck beitragen. Sie muss Maßnahmen schaffen, um den Individualverkehr zu verringern, und alternative Verkehrskonzepte fördern. Außerdem muss der Verbrauch von Lithium durch konsequentes Recycling der Akkus auf ein Minimum begrenzt und in entsprechende Forschung investiert werden. Vor allem aber müssen auch Unternehmen in der Lithiumlieferkette gesetzlich zu menschenrechtlicher und ökologischer Sorgfalt verpflichtet werden.

Die Brot für die Welt‐Studie „Das weiße Gold: Umweltund Sozialkonflikte um den Zukunftsrohstoff Lithium“ beschreibt, welche Folgen der Abbau für die Menschen im Lithiumdreieck hat. (https://info.brot-fuer-die-welt.de/blog/lithium-weisse-gold)

Maren Leifker
ist Juristin und arbeitet bei Brot für die Welt als Referentin für Wirtschaft und Menschenrechte.
(Nachdruck mit Genehmigung der Autorin)



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