Geistliches Wort - Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde

Ev.-luth. Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde
Hannover Badenstedt
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Mach mal Langsam


Auf ein Wort!

Wenn ich hier nun mein Vorhaben für diese Zeilen preisgebe, habe ich es im Grunde schon verfehlt. Aber sei’s drum: Ich hatte mir vorgenommen, ein Vorwort ohne „Corona“ zu schreiben.
Nicht, weil ich etwa davon ausginge, dass das Thema bis zum Erscheinungstermin keine Rolle mehr spielte. Auch nicht, weil ich das Thema etwa nicht ernst genug nähme. Nein, eigentlich mehr aus Prinzip. Weil ich schon seit Wochen in der Zeitung nichts anderes mehr lesen kann. In den Nachrichten nichts anderes höre. Im Supermarkt nicht mehr angesehen, sondern weitläufig umgangen werde.
Menschen benutzen nicht mehr gleichzeitig die Treppe. Sie wechseln die Straßenseite, wenn ihnen jemand entgegenkommt. So effektiv „social distancing“ in der Verteidigung gegen das Virus ist, so schädlich ist es doch, wenn sich aus einem respektvollen Abstandhalten eine Kontaktphobie entwickelt, die kaum weniger ansteckend ist. Ich merke an mir selbst, wie ich gegen meine neu entwickelten Reflexe angehen muss: z.B. die Luft anzuhalten, wenn ich an anderen vorbeigehe oder kurz angebunden zu reagieren …
Für uns als Kirche ist der Kontaktverzicht besonders bitter. Lebt unser Glaube nicht gerade auch von Gemeinschaft?
Jesus hatte selbst überhaupt keine Scheu vor Menschen oder ihren Krankheiten. Er legte den Aussätzigen die Hände auf (ohne Handschuhe). Ging zu denen, die sonst keiner mehr besuchte. Ohne Ekel. Ohne Angst. Dafür mit Zuwendung, mit Liebe – er war den Menschen buchstäblich nah.

Die letzten Wochen haben uns da vor Herausforderungen gestellt: Aus Einsicht in die Notwendigkeit (und sicher auch aus Folgsamkeit) haben wir uns an das Gebot der Stunde gehalten. Wir haben auf Begegnungen, Nähe und Gemeinschaft verzichtet – und womöglich tun wir es noch immer.
Unser kreatives Bemühen, dennoch Nähe und Gemeinschaft auf alle denkbar anderen Arten und Weisen herzustellen, seien es Fernsehgottesdienste, Online‐Andachten etc., zeigt aber doch, dass wir auf eben diese Gemeinschaft miteinander, auf Nähe angewiesen bleiben. Angewiesen darauf, unser Leben miteinander zu teilen. Wir haben in der Distanz Nähe gesucht, die sich nicht in Händeschütteln oder Umarmungen, oft sogar ohne Blickkontakt ausdrückt.
Zum Glück gibt es für Zuwendung und Liebe ja viele Sprachen: Sei es die gegenseitige Ermutigung mit Worten am Telefon oder auf Postkarten, finanzielle Hilfe oder ganz praktische Unterstützung, wie für andere einzukaufen.

Und sicher nicht zuletzt: das Gebet füreinander. Und es bewegt mich sehr, wie der Glaube vieler Menschen in unserer Stadt ganz neu an die Oberfläche gedrungen und sichtbar geworden ist: Lieder auf dem Balkon, Kerzen im Fenster, Hausandachten, Gebete im Internet – das macht doch wirklich Mut.

Gerade sehne mich nach dem Ende dieser Krise und hoffe, dass von aller antrainierten Kontaktangst wirklich nichts übrigbleibt und wir uns schon bald wieder ganz ohne Zögern die Hand geben. Aber diese Dinge dürften meinetwegen gerne bleiben: Die Offenheit und Freiheit, den eigenen Glauben zu zeigen. Die vielen Demonstrationen von Solidarität. Zu zeigen, dass man auch aus der Ferne aneinander denkt und füreinander betet – das wäre für mich ein echter Gewinn aus dieser Zeit!

Mit den Worten von Paulus an die Römer: „Freut euch in der Hoffnung, haltet durch in schweren Zeiten, bleibt beständig im Gebet“ grüße ich Sie herzlich und freue mich auf baldiges Wiedersehen.

Johannes Rebsch
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Mach mal langsam

„Du solltest mehr Sport machen!“ bekomme ich von mir selbst oder von anderen des Öfteren zu hören. „Ich hätte gern mehr Zeit für Muße“ – mit diesem Wunsch bin ich vermutlich auch nicht allein. Im Dezember letzten Jahres hatte ich eine Idee, wie ich beides kombinieren könnte: mit einem Spaziergang zur Arbeit.
Viele gehen joggen, um fit zu bleiben. Ich finde die Vorstellung langweilig, ohne ein Ziel durch die Gegend zu laufen, um am Ende verschwitzt wieder dort anzukommen, wo ich losgelaufen bin. Vermutlich ist das nur eine Ausrede, die mir mein innerer Schweinehund diktiert. Aber es könnte doch eine Alternative geben, um ohne viel Aufwand ein bisschen in Bewegung zu kommen. Nordic Walking soll zum Beispiel viel besser für die Knie sein.
Also wandele ich das einfach ab, lasse die Stöcker und die Sportkleidung weg und denke auch nicht über eine bestimmte Bewegungstechnik nach. Mein neuer Sport muss auch keine schicke Bezeichnung haben, er muss sich nicht mal Sport schimpfen. Und trotzdem komme ich in Bewegung und habe dabei auch noch Zeit, die Gedanken schweifen zu lassen.
Ich gehe einfach mal zu Fuß. In diesem Fall zur Arbeit, denn da muss ich sowieso hin. Und die Strecke hat mit ihren fünf Kilometern auch eine gute Länge. Das dürfte ungefähr eine Stunde dauern. Ich habe flexible Arbeitszeiten und bequeme Schuhe, die trotzdem bürotauglich sind, also steht meinem Vorhaben nichts mehr im Weg.
Der Tag, den ich für meinen Spazierstart auswähle, erstrahlt in schönstem Sonnenschein. Auf den Straßen liegt Raureif, die Bäume, Büsche und Wiesen leuchten weiß im hellen Licht. Ich wähle einen Weg, den ich sonst nicht nehme, wenn ich mit dem Fahrrad fahre, geschweige denn mit der Bahn oder dem Auto. Diesen Weg bin ich noch nie gegangen, er führt mich durch viel Natur, aber auch die städtischen Abschnitte haben heute einen besonderen Glanz.
Das langsame Vorankommen lässt mich meine Umgebung mit anderen Augen betrachten. Ich komme an einer Birkenansammlung vorbei, auf die jemand rote Herzen gemalt hat – ein Farbklecks in der weißen Landschaft, der mich überrascht.

 

Als ich den Lindener Berg erklimme, überholt mich ein Nachbar auf dem Fahrrad. Er möchte wissen, was ich hier mache und hält meine Antwort für eine gute Idee. Leider seier immer so spät dran. Auch ich werde ungewöhnlich spät im Büro sein, meine Kolleginnen werden sich wundern, wo ich stecke. Aber das ist es mir wert. Und ich werde ab jetzt jede Woche einmal zu Fuß zur Arbeit gehen, nehme ich mir vor.
In einer Straße mit Wohnhäusern in Linden komme ich an einem kleinen Vorgarten vorbei, in dem neben einer einladend aussehenden Sitzbank pinke Rosen blühen. Wäre es nicht so kalt, könnte man sich glatt an den Sommer erinnert fühlen.
Auch an anderen Stellen entdecke ich Buntes – ein Männchen am Betriebshof Glocksee oder die rote Metallskulptur am Königsworther Platz.

  

An der Allee vorm Welfenschloss biege ich in eine Seitenstraße ein – und komme schließlich beim Büro an. Mein Gesicht ist etwas eingefroren, aber es trägt ein Lächeln. Ich habe länger gebraucht, als die berechnete Stunde, denn ich bin an jeder Ecke stehengeblieben und habe Dinge entdeckt, an denen ich sonst einfach vorbeifahre. Ich habe unterwegs Fotos gemacht und sie mit meinem Mann und meiner besten Freundin geteilt. Sie haben mich begeistert begleitet.

Die nächsten Male mache ich keine Fotos mehr. Ich laufe einfach vor mich hin. Bin irgendwie ganz bei mir, genieße das Gefühl,mich von meinen eigenen Füßen tragen zulassen, an der frischen Luft zu sein, mich langsam fortzubewegen und meine Umgebung zu sehen, die mir immer vertrauter wird in den vielen Wochen, die seitdem vergangen sind.

Ich laufe immer noch jede Woche.

Britta Füllgrabe





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Das Reich Gottes wächst ganz von selbst

Eine entschleunigte Bibelgeschichte

Den Begriff “Entschleunigung” gibt es in der Bibel natürlich nicht. Aber sie erzählt durch aus von Stress und Überforderung. Und in ihr findet sich ein Gleichnis, in dem Jesus Entschleunigung zum Merkmal des Gottesreiches macht. Dieses Gleichnis steht im Markusevangelium (Mk 4,26‐29):

Und Jesus sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und steht auf, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie.
Von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. Wenn aber die Frucht reif ist, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.

Das Reich Gottes lässt sich nicht herbeizwingen. Natürlich geschieht etwas, jemand macht sich auf den Weg, eine Saat wird gelegt.
Aber danach ist jeder Aktionismus unnütz. Es nützt nichts, fieberhaft am Reich Gottes herumzuziehen, eigentlich braucht es nicht einmal Dünger. Es braucht Geduld und Ruhe.
Jesus ist unterwegs gewesen, hat das Reich Gottes in diese Welt gesät und nun wächst es heran. Egal, was wir tun. Das ist ein sehr entlastender Gedanke. Wir können das Reich Gottes nicht beschädigen, wir müssen uns aber auch nicht kaputt machen, um es zum Blühen zu bringen. Das passt schon.
Diese Haltung lässt sich auch auf unsere irdischen Paradiessehnsüchte übertragen. Ob es wunderbar wird in unserem Leben, liegt oft nicht in unserer Hand. Da hat jemand die Saat gelegt, ein anderer Mensch, ich selbst oder doch Gott. Wer weiß?
Daraus wächst etwas – ein Schimmer des Gottesreichs, ein paradiesischer Moment, die Erfüllung eines Traums. Manchmal deshalb, weil ich mir viel Mühe gegeben habe und manchmal, weil ich langsam gemacht habe.
Während ich das schreibe, passiert das auch. Ich bin ausgebremst, die meiste Zeit zu Hause.  Und trotzdem wird es Frühling,  grünt und blüht es vor meinem Fenster. Wir begegnen uns kaum noch – und
haben einander doch im Blick, sind füreinander da. Es wird unglaublich viel geplant und geregelt, ich finde das beeindruckend und ermutigend. Aber dazwischen geschehen ganz kleine Gottesreichmomente: durch einen Blick, ein Winken, das Kniffeln über WhatsApp, die Erinnerungen am Telefon, die Geduld an der Kasse, ein stilles Gebet.

Und der Same geht auf und wächst – wir wissen nicht wie ...

Manuel Kronast

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„Einfach” mal nichts tun

„Einfach nur sitzen, atmen, nichts tun – das kann ja nicht so schwer sein.“ So in etwa dachte ich wohl, als ich mich das erste Mal zum Meditieren hinsetzte. Entschleunigung pur. Innere Ruhe. Harmonie. Doch nun: Es zieht in meinem linken Schulterblatt. Es juckt am Fuß. Mein rechtes Auge tränt. Aber ich soll nichts machen. Nur wahrnehmen. Wie mein Körper sich anfühlt. Und ihn gelassen beobachten, wie er da so sitzt und atmet. „Es gibt nichts zu tun.“ Das sagt die Stimme aus meinem Mobiltelefon. Die Stimme eines Meditationsexperten, dessen App ich mir auf meinem Handy installiert habe.
Warum Meditieren? Es gibt doch so viele andere Möglichkeiten, zur Ruhe zu kommen. Meditation ist eben ein Weg dahin. Eine alte, spirituelle Praxis, vielfältigen und von vielen Menschen genutzt – auch im Christentum.
Was mich am Meditieren so reizt: das Sein im Hier und Jetzt. In der Gegenwart. Im Augenblick.
Meistens rasen die Gedanken in meinem Kopf nur so vor sich hin. Irgendetwas ist ja immer zu bedenken, zu erinnern, zu planen.
Kaum eine Minute vergeht, in der mein Kopf sich nicht irgendwie beschäftigt. Denken ist der Normalfall.
Doch beim Meditieren heißt es: Einfach nur sein. Nichts tun. Nicht auf andere Gedanken bringen, sondern nichts denken. Einfach sitzen und spüren, dass es mich gibt – und dass zu mir auch mein Körper gehört, der fühlt und atmet.
Das tut gut – aber ist eben nicht so einfach. Es kostet mich oft Überwindung, in etwa wie beim Sport. Denn manchmal ist es unangenehm, nur bei sich zu sein. Zehn Minuten sind plötzlich eine Ewigkeit. Eine Ewigkeit, die ich mit mir und mit meinem Körper allein bin. In denen ich mich nicht in Gedanken flüchte,
sondern sogar gegen sie kämpfe. Zehn Minuten, in denen mir mein Körper plötzlich so gegenwärtig ist, wie sonst nie. Manchmal schmerzhaft gegenwärtig.
Wie beim Sport ist es allerdings auch bei der Meditation: Aller Anfang ist schwer. Übung macht die Meisterin. Und das regelmäßig. Damit sich dann alles einstellen kann, was man sich so vom Meditieren verspricht: innere Ruhe, Gelassenheit, Achtsamkeit. Damit auch in anderen Situationen im Leben mehr Ruhe einkehrt. Die Gedanken nicht so schnell abschweifen. Und ich zum Beispiel auch in Andacht und Gebet mehr bei mir und mehr bei Gott sein kann.
Noch bin ich weit davon weg, ein Meditationsprofi zu sein. Ich freue mich an den kleinen Erfolgen. Wenn ich es schaffe, eine Woche lang jeden Tag zu meditieren. Wenn mein Körper sich dabei entspannt anfühlt.
Oder ich es schaffe, ein wenig Schmerz einfach nur wahrzunehmen. Wenn ich weniger denke oder mich eher dabei ertappe. Wenn ich nach dem Meditieren die Augen wieder aufmache und sagen kann: Wow, heute hat es einfach gut getan.

Sandra Golenia

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