Reisen und Religion - Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde

Ev.-luth. Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde
Hannover Badenstedt
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Religion auf meiner Reise


Mit meiner Familie unternahm ich im Mai eine Wohnmobilreise bis nach Kroatien. Ich hatte mir im Vorfeld vorgenommen, mal nach Kirchen Ausschau zu halten, um zu sehen, was mir in Sachen Christentum so in den anderen Ländern begegnen würde.

Der Großteil der Kroaten ist katholischen Glaubens – nur etwa ein halbes Prozent der Bevölkerung ist evangelisch. Ich würde also voraussichtlich mit der katholischen Kirche vorlieb nehmen müssen.
Schon an unserem ersten kroatischen Ziel, der Landeshauptstadt Zagreb, hatten wir unsere erste Begegnung mit Religion – nicht nur mit den überaus beeindruckenden Kirchenbauten der Kathedrale und der berühmten Markuskirche. Stattdessen begegneten wir ihr an einem eher unerwarteten Ort – auf einem Parkplatz.
Der dortige Parkplatzwächter empfing uns mit großer Hilfsbereitschaft, half uns beim Einparken und erklärte uns, wie wir mit der Tram in die Innenstadt kämen. Auf dem Fußweg zur Haltestelle kamen wir ins Gespräch. In recht gutem Englisch berichtete der etwa 50‐jährige, dass er zurzeit ein Buch über den moralischen Verfall der katholischen Kirche schreibe. Ich dachte, er meine bestimmt die in den letzten Jahren bekannt gewordenen Missbrauchsfälle, aber stattdessen sprach er davon, dass es sich nicht gehöre, sich am Strand in Badekleidung zu zeigen. Papst Johannes Paul II sei der letzte Papst ge‐
wesen, der den katholischen Glauben richtig vertreten habe, seitdem gehe es nur noch bergab. Niemand verpflichte sich mehr der Religion. Er habe viel recherchiert für sein Buch und sich schließlich bestätigt gesehen, dass kein anderer Glaube als der katholische zur Erlösung führen könne – und das sei objektiv erwiesen.
Ich erkannte, dass es wenig Sinn haben würde, gegen eine solche Argumentationsweise anzureden, verhehlte aber nicht, dass wir Protestanten sind.
Diesen Umstand sah der trotz aller Kritikäußerung freundliche Mann leider nicht als einen geeigneten Weg in den Himmel an – er werde für unsere verlorenen Seelen einige Rosenkränze beten. Seinen vollen Namen und den Titel seines Buches wollte er mir allerdings nicht verraten.
Ein paar Tage später führte uns unsere Reise auf die Insel Pag in der Kvarner Bucht. An einem Sonntagmorgen radelte ich in die an den Campingplatz grenzende Stadt Novalja, um zu schauen, ob ich an einer katholischen Messe teilnehmen könnte.
In der ersten Kirche, die ich um kurz vor 10 Uhr erreichte, verriet mir ein Schild, dass der Gottesdienst hier morgens um 8 Uhr stattfand. Vermutlich wollte man auf diese Weise den Touristen und anderen „Ungläubigen“ entgehen.
Statt Kirchengeläut schallte nämlich von der Uferpromenade ein lautes „We will rock you“ von einer Art Cheerleaderparade herüber – nicht besonders sonntäglich.
Trotzdem versuchte ich es noch bei einer zweiten Kirche. Hier hatte ich mehr Glück – sie stand offen. Es kamen auch einige Menschen zur Kirche, also vermutete ich, dass hier wohl gleich der Gottesdienst beginnen würde. Am Eingang der Kirche hing ein Schild, das verlangte, dass Besucher ihre Beine und Schultern zu bedecken hätten und Fotografieren verboten sei. Glücklicherweise erfüllte ich die Kleidervorschriften. Ich ließ meine Kamera wo sie war und trat ein. Ich verhielt mich so leise und unauffällig wie möglich und versuchte zugleich, den wenigen Menschen freundlich zu begegnen, indem ich sie auf Kroatisch begrüßte.
Aber niemand grüßte zurück, nicht einmal die Nonne. Stattdessen wurde ich von einer älteren Dame immer wieder beäugt wie ein lästiges Insekt, das hier nichts zu suchen hatte. Trotz meiner gesitteten Kleidung war ich eindeutig als Touristin zu identifizieren.
Mein Outfit passte auch nicht zu dem der anderen Besucher, da ich mit Turnschuhen, Jeans und T‐Shirt nicht an die schick in Anzug und Kostüm erscheinenden Gläubigen heranreichte. Dennoch setzte ich mich kurz in eine der hinteren Bänke und ließ den Kirchraum auf mich wirken. Vor allem fiel mir ein goldener Stuhl mit roten Polstern auf, der am Altar stand und vermutlich für den Pfarrer bestimmt war. Er erinnerte mich an den Thron eines Königs und wollte nicht zu meinem Kirchenbild passen, das natürlich protestantisch geprägt ist. Zusammen mit den missmutigen Blicken der älteren Dame erzeugte dieser Eindruck ein Gefühl in mir, dass ich hier nicht willkommen sei. Vielleicht hatten die Leute die Nase voll von den vielen „sündigen“ Touristen in der Stadt und stuften mich als eine davon ein. Ein Blick auf meine Uhr verriet, dass es ohnehin schon nach 10 Uhr war. Vielleicht fand ja heute doch kein Gottesdienst statt? Ich hielt die angespannte Stimmung, die ich wahrzunehmen meinte, nicht mehr aus und beschloss, zu gehen.
Draußen lungerte ich noch ein wenig bei der Kirche herum. Es kamen noch mehr Leute. Eine einzige Frau antwortete auf meinen Gruß, bevor ich von diesem zarten Versuch der Kontaktaufnahme letztlich Abstand nahm und beschloss, nur noch eine Beobachterrolle einzunehmen. Als immer mehr Leute kamen, begriff ich, dass die Messe hier wohl erst um 10:30 Uhr begann. Meine Vermutung bestätigte sich, als ein überraschend junger Pfarrer energischen Schrittes auf die Kirche zuging und dabei sehr freundlich einen „Stammbesucher“ begrüßte. Sein langes schwarzes Gewand schwang kleidartig hinterher und erinnerte mich unwillkürlich an eine Szene aus Max und Moritz.
Fast zur gleichen Zeit schlenderten drei Touristenjungs in kurzen Trachtenlederhosen mit Bierflaschen in der Hand vorbei. Die Szene war irgendwie skurril. Ich beschloss, die Einheimischen in Ruhe zu lassen.
Es handelte sich fast ausschließlich um Personen älteren Jahrgangs und ich fragte mich, wie lange diese Kirche überhaupt noch so gut besucht sein würde. Die Teilnahme von neugierigen Touristen, von denen ich ja irgendwie auch eine war, würde die Gemeinde jedenfalls bestimmt nicht neu aufleben lassen, wenn diese Generation entschwunden wäre.
Auf unserer Rückreise besuchten wir eine Freundin in Sindelfingen. Es war schwierig, einen Parkplatz mit dem Wohnmobil für die Nacht zu finden. Als wir an einer Kirche vorbei kamen, erkundigte sich mein Mann bei dem rasenmähenden Hausmeister, ob wir uns für eine Nacht auf den Parkplatz stellen dürften. Er war sehr freundlich und stimmte zu.
So kamen wir immerhin noch in den Genuss einer Art Obdachs, den uns eine Kirche gewährte. Auf diese Weise entstand dann auch noch ein Foto, auf dem unser mobiles Heim vor einer Kirche zu sehen war (siehe das Titelbild dieses Paul‐Gerhart‐Briefs). So hatte ich mir das für meinen Gemeindebriefartikel vorgestellt, der aber leider um ein Haar gottesdienstfrei geblieben ist.

Britta Füllgrabe




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