Ehrenamt - Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde

Ev.-luth. Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde
Hannover Badenstedt
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Langeweile im Rentenalter (oder auch schon früher)?
Ungenutzte Fachkenntnisse?

Eine Organisation, zwei interessante Lösungsansätze:
Seit nunmehr 40 Jahren vermittelt der Senior Experten Service ehrenamtliche Fach- und Führungskräfte in Einsätze im In- und Ausland. Die Geschichte des SES begann 1983 mit rund 800 Expertinnen und Experten im Ruhestand und 22 Einsätzen. Mittlerweile hat der SES fast 13.000 Fachleute aus allen Branchen in seiner Datenbank – auch solche, die mitten im Berufsleben stehen. Mehr als 60.000 Einsätze in 170 Ländern wurden inzwischen durchgeführt. Seit Ende 2008 unterstützt der SES Auszubildende durch die speziell auf sie zugeschnittene Initiative VerA zur Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen.

Ich habe sowohl bei einen Auslandseinsatz als auch im Rahmen von VerA praktische Erfahrungen sammeln können, über die ich hier berichten möchte:

Im Sommer 2017 erhielt ich über einen Bekannten aus meiner Studienzeit die Anfrage, ob ich im Rahmen des neuen SES-Weltdienstes 30+ für ein paar Wochen nach Malawi reisen könnte. Der forstliche Fachbereich der Universität Mzuzu hatte beim SES um Unterstützung durch einen Experten gebeten, der helfen könne, die Qualität seiner forstwissenschaftlichen Hochschullehre zu verbessern.
Mit meinen langjährigen Erfahrungen an der Uni Göttingen und nach Auslandseinsätzen an einer indischen Hochschule und in Ruanda fühlte ich mich dazu durchaus in der Lage und konnte mit etwas Mühe den dreiwöchigen Mindestzeitraum finden, in dem mein damaliger Arbeitgeber auf mich verzichten konnte. Ende Oktober gab es ein  Einführungsseminar am SES-Sitz in Bonn, zusammen mit anderen Freiwilligen, die in ganz anderen Berufen (z.B. als Schneiderin) in ganz andere Länder reisen wollten.
Wir lernten die „formalen Rahmenbedingungen“ (Versicherungen und Kostenerstattungen) unseres Einsatzes kennen und hörten einen Vortrag „Kulturübergreifende Handlungskompetenz“. Bei dem ehrenamtlichen Einsatz konnte man kein Geld verdienen, aber es wurde ein Tagegeld gezahlt und sämtliche Reise- und Materialkosten (auch Folgearbeiten und -reisen) wurden übernommen.
Am 1.12.2017 ging es dann los nach Malawi, eines der ärmsten Länder der Erde. Am Flughafen der Hauptstadt Lilongwe wurde ich von einem örtlichen Kollegen abgeholt und zum Hotel gebracht. Nach der Übernachtung starteten wir dann zu der 390 km langen Autofahrt nach Mzuzu. Unterwegs erklärte mir mein erfahrener Kollege Lusayo Mwabumba, der in Wales studiert hatte, schon viele Aspekte der Landnutzung in dem tropischen Land. Wir waren uns sehr einig, was die Ursachen und theoretischen Lösungen vieler Probleme im Lande angeht. Alles, was ich im Sinn hatte, eventuell anzuregen, wurde dort schon gemacht, sodass ich mich fragte, was ich denn eigentlich noch vorschlagen könnte. Er meinte, es wäre immer gut, mal mit Außenstehenden über die Dinge zu sprechen.
Nachdem ich mich dann vor Ort umgesehen und praktische Eindrücke vom Lehrbetrieb gesammelt hatte, konnte ich dann immerhin doch ein paar Anregungen geben, wie kleine Verbesserungen, z.T. auch mit Unterstützung aus Deutschland, erreicht werden könnten.
Das Hauptproblem der Forstlichen Abteilung konnte ich allerdings nicht lösen: den erheblichen Mangel an Räumen, Finanzen und technischer Ausstattung. Hinzu kamen die „landestypischen“ häufigen Ausfälle der Strom- (und Wasser-)versorgung, die die Arbeit am Computer und den Einsatz von Beamern öfter beeinträchtigten und den Unterricht in Hörsälen ohne Fenster zeitweise ganz unmöglich machten. Sehr schade war es auch, dass es nur sehr selten möglich war, Exkursionen oder praxisnahe Lehre im Wald durchzuführen, da der fakultätseigene Bus nach einem schweren Unfall (mit einigen Toten) nicht mehr benutzbar war.
Immerhin konnte ich mit einigen mitgebrachten englischsprachigen Fachbüchern aus meinem Bestand Freude auslösen, denn – wie ich schon vorher erfahren hatte – war auch die Hochschulbibliothek abgebrannt.

Insgesamt war dieser Einsatz, über den ich einen Bericht für den SES verfassen musste und den ich in einem Blog im Internet ausführlich beschrieben habe (siehe http:/
/blog.wood-report.net/) ein äußerst interessantes Erlebnis. Leider haben die netten Kolleginnen und Kollegen nach meiner Rückkehr keinerlei Gebrauch von meinen
Hilfsangeboten z.B. bei der Beschaffung wissenschaftlicher Literatur gemacht.

Im Jahr nach meiner Rückkehr stieg ich in einen anderen Tätigkeitsbereich des SES ein, das Programm VerA: Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen. Dabei geht es
darum, Auszubildenden zu helfen, die zumeist Probleme in der Berufsschule haben.
Das betrifft sehr oft Zuwanderer, denen der theoretische Unterricht in der Berufsausbildung allein schon wegen der mangelhaften Sprachkenntnisse Probleme bereitet. Dabei habe ich interessante Menschen und Berufe kennengelernt:

Da war zuerst ein junger Mann aus Westsahara, der vor der aussichtslosen Situation in seiner Heimat geflohen war. Dort konnte man seiner Erfahrung nach nur als Krimineller überleben. Er war stattdessen im zweiten Lehrjahr in einer Tischlerei tätig und wohnte bei einem Ehepaar in Berenbostel. Hauptsächlich hatte er Probleme mit dem Fachrechnen. Dabei konnte ich ihm zwar helfen, habe ihn dann aber nach einigen Monaten an einen Sportkameraden weitervermittelt, der gelernter Tischler war und sich als Hausmann über eine fachliche Nebenbeschäftigung freute.

Dann war da ein 35jähriger Marokkaner mit langjähriger Berufserfahrung als Frisör, der hier diesen Beruf noch einmal nach deutschen Regeln erlernen musste.

Ihm versuchte ich den Lehrbuchtext zum Aufbau der Haut zu erklären und diente ihm im Übungszentrum der Frisörinnung in Ricklingen als „Übungsobjekt“. Er verzichtete nach kurzer Zeit auf den Zusatzunterricht, weil ihm sein Deutschkurs nicht genug Zeit dafür ließ.

Für mehr als ein Jahr half ich einer jungen Iranerin, die eine jahrelange Odyssee nach Deutschland hinter sich hatte, den Berufsschulunterricht zu ihrer Ausbildung als pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte (PKA) zu verstehen. Die praktische Arbeit in der Apotheke in Mellendorf ging gut, aber mit ihren sehr begrenzten Deutschkenntnissen musste ich ihr viele Fachbegriffe erklären, die ich teilweise selbst vorher nicht kannte. Dabei konnte ich viel über die Organisation einer Apotheke und über Medikamente lernen.
Leider hat sie ihre Abbildung im zweiten Lehrjahr wegen unüberbrückbarer Differenzen mit ihrer Chefin abgebrochen.
Später hat sie sich dann für eine andere schulische Ausbildung entschieden, für die sie meine Hilfe nicht mehr benötigte. Ich glaube, dass ich wenigstens einen spürbaren Beitrag zur Verbesserung ihrer Deutschkenntnisse leisten konnte.

Wer Lust und Zeit hat, sich solchen interessanten Herausforderungen im In- oder Ausland zu stellen, kann sich an die Zentrale des SES in Bonn wenden:https://www.ses-bonn.de. Rückfragen an mich gerne (zunächst) per Email: e.kuersten@outlook.de

Text und Fotos: Ernst Kürsten

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